Das Stationshaus im August 1918

Zum 30. August 1919

Von O. Betz

Nauen verkehrt seit dem 23. Juli d. J. wieder unmittelbar mit den Vereinigten Staaten von Nordamerika und hat damit Deutschland aus der ihm seit Anfang 1917 auferlegten Abschließung von der übrigen Erde erlöst. Die Sprengung der durch den Ring der Feinde um uns gezogenen Verkehrsfesseln ist wohl das schönste Geschenk, das die Station Nauen Graf Georg von Arco, dessen Leben so innig mit ihrem Werden verknüpft ist, zum 50. Geburtstag darbringen kann. Viele Jahre hat er gebangt darum, daß die Menschheit sich wieder besinnen möchte auf die gemeinsamen Aufgaben, und sich mit seiner ganzen Person eingesetzt für die Verwirklichung der dem ewigen Bunde aller Völker geweihten Idee. Zuletzt hatte er noch, wie so viele unter uns, gehofft, daß der Krieg durch einen Frieden abgelöst würde, der die Menschen einander näher bringen sollte. Nichts von dem ist bisher eingetreten! Aber sein Geisteskind Nauen steht da, arbeitet wieder und soll dazu beitragen, daß die Kulturwelt doch schließlich zu einer höheren Gemeinschaft zusammenwachse.

Keine technische Errungenschaft ist hierzu so geeignet, wie die zur Nachrichtensendung benutzten elektrischen Wellen. Bei der Sicherheit, mit der sie heute von Nauen ausgesandt und von den Empfangsstationen über den ganzen Erdkreis hin gleichzeitig aufgenommen werden, sollen sie, wie wir hoffen, mit einer bisher nicht gekannten Wirksamkeit und Schnelligkeit die Länder und Völker über alle interessierenden Vorgänge politischer, wirtschaftlicher und allgemeiner Art unterrichten. Die wechselseitige Kenntnis der Verhältnisse in den einzelnen Ländern, der Ansichten der Menschen, und ihr gegenseitiges Verständnis müssen dadurch so sehr wachsen, daß auch ein besserer Zusammenschluß der Völker nicht ausbleiben wird. Haß, Neid und Rachsucht, die jetzt die Welt regieren, sind doch letzten Endes auf Ursprünge zurückzuführen, die in mangelndem gegenseitigen Verständnis ihre Ursache haben.


Nicht immer war es dem deutschen Volke, im Gegensatz zu anderen, politisch weiter  fortgeschrittenen Völkern, bewußt, was es bedeutet, über weltumspannende Nachrichtenmittel zu verfügen. Daß an auf der übrigen Erde infolge des Mangels solcher Einrichtungen von dem wirklichen Leben der Deutschen fast nichts wußte, war nur wenigen von uns klar. Die Männer, die dieses Übel kannten und es steuern wollten, hatten einen schweren Stand. Die übrigen Erfahrungen des Krieges dürften jedoch das weltpolitische Verständnis in Deutschland gefördert haben. Klar muß im Auge behalten werden, daß ein auf engem Raum eingekeiltes, zahlreiches und hochentwickeltes Volk, ohne großen Schaden zu nehmen, nicht existieren kann, wenn es sich nicht sehr genau kümmert um das, was sonst in der Welt und in den Köpfen und Seelen anderer Völker vor sich geht, und wenn es nicht andere Völker am eigenen Leben intensiv teilnehmen läßt. Ein kleiner Kreis von Männern war es, der dies rechtzeitig erkannt und alles daran gesetzt hatte, um den Abstand, den wir auf diesem Gebiete hinter anderen Nationen besaßen, möglichst schnell auszugleichen.

Seien wir dankbar diesen Männern der Tat und des Erfindergeistes, unter ihnen an erster Stelle dem heutigen Jubilar, Graf Arco, daß uns Nauen unter schwierigen Umständen rechtzeitig gegeben haben, um künftigen Schaden abzuwenden.

Wie Nauen ward, wird an anderer Stelle nach den Phasen seiner historischen Entwicklung eingehend geschildert. Was jetzt im Rohbau vollendet vor uns steht und "Transradio" aus den Händen "Telefunkens" übernommen hat, ist, wie ausländische Zeitschriften vielfach zugeben, "die stärkste Großstation der Welt", berufen, das Band zwischen den Völkern neu zu knüpfen und damit den Wiederaufbau Deutschlands sowohl wie der übrigen Welt fördernd zu unterstützen.

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